Klartext Motorradl?rm: Auf beiden Ohren taub

Fahrverbote, neue L?rm-Obergrenzen, L?rm-Streckensperrungen in Tirol: Das Thema "laute Motorr?der" steht wieder oben auf der Agenda. Und womit? Mit Recht.

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(Bild: KTM)

Von
  • Clemens Gleich
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Kaum gibt es wieder mehr Themen als nur Weltuntergang, dr?ngen neue L?rmschutzbestimmungen für Motorr?der in den Newsstream. Die L?nderkammer schlug ein Motorrad-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen vor, von dem nur Maschinen mit "alternativen Antrieben" ausgenommen w?ren.

Das zeugt von überfrommer Hoffnung und Naivit?t gleicherma?en. Es ist sehr einfach, ein lautes Elektromotorrad zu bauen. Ein gerade verzahntes Getriebe (Energica) oder gar eins mit Umlenkung (Harley) reicht, dass sich Anwohner (Energica am Sellajoch) oder gar der Fahrer selbst (Livewire-Prototyp am Hockenheimring) beschwert. Man gebe alternativen Antrieben bitte keinen Krach-Blankoscheck, sondern nutze lieber ihr Potenzial leiseren Fortkommens.

Der Bundesrat spurtete etwa zur selben Zeit herbei, um bei den Motorr?dern mitzureden. Er forderte eine Ger?uschgrenze von 80 dBA für Motorr?der. Alle den Vorschlag einbringenden Personen haben also keinerlei Ahnung von der Materie, über die entschieden werden soll. Geht es ums Standger?usch? Oder doch ums Fahrger?usch? Die aktuelle Obergrenze nach ECE-R41 (eingeführt zeitgleich mit der Abgasnorm Euro 4) liegt n?mlich bei recht komplex ermittelten 77 dBA im Vorbeifahren. Wird das jetzt also wieder gelockert? Oder kommt eine generelle Standger?uschbegrenzung? Audi müsste den Sportwagenbau einstellen. Niemand wei? es, am wenigsten die Bundesratlosen, die das vorschlugen.

Mit der Energica Eva am Sellajoch, das gerade für Verbrenner gesperrt war. Ein Anwohner beschwerte sich über die Lautst?rke des Getriebes. Es ist also ganz gut, dass Ger?uschvorschriften auch für E-Kr?der gelten.

(Bild:?Energica)

Und zum dritten Glockenschlag preschte das ?sterreichische Bundesland Tirol an die Spitze, indem es Fahrverbote bereits umsetzte: Auf vielen beliebten Ausflugsstrecken gilt dort ab dem 10. Juni ein Fahrverbot für alle Motorr?der mit einem Standger?usch von über 95 dBA. Darüber wurde viel gel?stert, nur ist das Standger?usch eben aufwandsarm in einer Verkehrskontrolle messbar. Der Wert des Standger?uschs existiert nur für diese Kontrolle, es gibt keine Homologations-Vorgaben.

Er ist leider zudem ein realistischeres Indiz auf die Reallautst?rke, weil die Hersteller für die Vorbeifahrmessung weiterhin ein Klappenwerk wie in einer Kirchenorgel auffahren, um sich an den Regeln vorbeizuschummeln. Nun scheint ein Fahrverbot anhand eines Wertes, für den es keine Vorgaben gibt (auch beim Auto nicht), unfair. Doch es gibt in dieser Diskussion keine Mehrheiten an Unschuldigen, weder beim Gesetzgeber noch bei den Herstellern oder den Motorradfahrern.

Der erste Punkt, den schon jeder Industrie- und Interessenverband bemerkte: Warum eigentlich L?rmschutzvorschriften nur für Motorr?der? Den Anwohnern w?re doch geholfen, wenn Krachdeppen in Audi R8 ebenso behandelt würden. Ein L?rmlimit für alle Ausflugsfahrzeuge, vom Oldtimer über das Quad bis zum Motorrad, das fordern gerade viele Motorradfahrer. Doch wissen sie, was das bedeutet? Dann g?lten die Leistungs-Klassen für PKW, was für die meisten Motorr?der hie?e: maximal 75 dBA statt jetzt 77 dBA Fahrger?usch, mit einer bereits festgeschriebenen Versch?rfung 2022.

Das w?re technisch noch nicht schwer. Schwer w?re es, die LKW-Werte auf PKW-Niveau herunterzubringen. Oder den Bestandsschutz auszuhebeln: Alle Oldies müssen moderne Grenzwerte einhalten, für die sie nie erdacht waren. Wollen wir das wirklich? Oder haben sich die Leute damals schon was gedacht, als unterschiedliche Fahrzeugarten unterschiedliche Vorgaben gem?? ihrer Eigenarten erhielten?

Und wo endet "Gleiches Recht für alle"? Beim Abgas doch sicher noch nicht. Hie?e für Motorr?der: Euro 6d inklusive EVAP und ISC statt Euro 5. Wo endet die Gleichheit? Ein ESP (Pflicht für PKW) gibt es für Kraftr?der nicht, weil ein Motorrad nicht schleudert, sondern auf die Seite kippt und sich fortan spanabhebend weiterbewegt. Motorr?der fallen aufgrund ihrer geringen Relevanz am Verkehrsaufkommen und ihrer Bauart unter angepasste Vorgaben. Davon würde ich jetzt nicht abweichen – vor allem, weil es auch für Autos keine Standger?uschvorgaben gibt. Es gibt bessere Hebel.

Für die, die es nicht wissen: Ich fahre ganzj?hrig Motorrad, in den meisten Jahren mit weit überdurchschnittlicher Jahreskilometerzahl. Ich besa? noch nie andere Auspuffanlagen als Serie. Selbst wenn man das als Daumenregel verwendet, steht man schnell da wie Ducati-Fahrer am Sachsenring: "Was, meine Serien-Anlage ist hier zu laut und ich darf nicht fahren?" Die Motorradhersteller haben in den vergangenen 20 Jahren so viel L?rm-Engineering betrieben, dass neuere Motorr?der ab Werk stets lauter sind als welche aus den Achtzigern oder Neunzigern, obwohl damals laxere Regeln galten. Schlimmster Schreier in Summe: ausgerechnet BMW Motorrad, denn BMW verkauft nicht nur sehr viele Motorr?der, sondern auch sehr laute.

Ich habe es oft gesagt, doch offenbar nicht oft genug oder es haben zu wenige mitgesagt: Liebe Leute in München, was ihr da veranstaltet, ist schlicht und ergreifend asozial. BMW-Motoren t?nen auff?llig laut. Das gilt für das Superbike S 1000 RR, das gilt für sportliche Landstra?enmodelle wie S 1000 XR und R, das gilt für die Retro-Modelle der "nineT"-Linie, das gilt sogar für den Bestseller GS. Mit dem Wechsel von Euro 3 zu Euro 4 und ECE-R41 wurde die GS in kein Jota leiser. Die kritisierte Klappensteuerung blieb erhalten. Die von uns zuletzt getestete R 1250 GS Adventure fiel sogar dadurch auf, dass sie es dem Fahrer besonders leise macht, dem Umfeld dagegen besonders laut. Asozial deluxe.

Ducati Panigale 959, eins der ersten Ducati-Kr?der nach ECE-R41. Sie war auff?llig leise. Dieser Zustand hielt natürlich nicht lange an. Aktuelle Ducs spielen beim Schalldruck wieder ganz vorne auf.

(Bild:?Bridgestone)

Natürlich bleibt BMW nicht alleine. Ducati hat sich nach anf?nglichen Schwierigkeiten mit der ECE-R41 ("huch, wir müssen das jetzt in SERIE einhalten?!") berappelt und stellt eine V4 Streetfighter hin, die zwar wundersch?n aussieht, aber nirgends sozialvertr?glich hinfahren kann. Starte sie und dein Block ist wach. Fast so schlimm wie ein Audi R8. "You meet the nicest people on a Honda" galt früher. Das ?ndert sich mit den aktuellen Superbikes der Fireblade-Reihe, denn die sind so laut, dass nice people sich blutenden Ohres abwenden.

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